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Die Zeit des Menschen

Prof. Dr. Ernst Pöppel

HENN Akademie, 24. April 2008

Was ist Zeit? Oder besser gefragt: Wie haben wir Zugang zur „Zeit“? Wie entsteht der Augenblick, den wir erleben? Unsere gesamte Technologie basiert auf einem Zeitbild, wie es Newton formuliert hat – unser Zeiterleben ist aber keineswegs ein Abbild dieser syntaktischen Zeittheorie, vielmehr haben wir in der subjektiv zugänglichen Zeit die Grundlage zu suchen auch für die technologische Konzeptionen der Zeit.

Aus Sicht der Psychophysik wird diese subjektive Zeit als Auflösungsvermögen, als Unterscheidungsfähigkeit in der Wahrnehmung von Vorgängen konzipiert. Bereits in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts wurden die konzeptionellen Standards für chronometrische Analysen festgelegt, mit denen gemessen wird, wie schnell geistige Prozesse ablaufen und wie lang folglich die subjektiven Intervalle der Gegenwart sind. Für uns Menschen beträgt dieses Zeit-Fenster etwa drei Sekunden. Dieses Intervall finden wir mit erstaunlicher Konstanz in musikalischen Motiven wieder, in sozialen Interakten oder in den Versen der Poesie.
Unser Gehirn besteht nur zum kleinsten Teil aus Sinneszellen und solchen, die die Motorik steuern. Den weitaus größten Teil bildet ein intermediäres Netz, das „zwischen“ diesen Funktionen liegt und dafür sorgt, dass wir über Bilder von der Außenwelt verfügen, die nicht-präzise sind. In dieser Architektur des Gehirns geht es nicht in erster Linie um Präzision, sondern um die Integration verschiedener Wahrnehmungsmodalitäten, die in eigenen Hirnregionen und dort unterschiedlich schnell verarbeitet werden: Hören, Bewegungssehen, Farben usw. Die Integration dieser unterschiedlichen Ebenen organisiert das Gehirn durch die Zeitintervalle, die wir als Gegenwart erleben.

Prof. Dr. Ernst Pöppel ist Vorstand des Instituts für Medizinische Psychologie in München und geschäftsführender Vorstand des Humanwissenschaftlichen Zentrums der Ludwig-Maximilians-Universität. Darüber hinaus ist er wissenschaftlicher Ko-Direktor des „Parmenides-Center for the „Study of Thinking“, Elba/Italien und München und Wissenschaftlicher Leiter des „Generation Research Programs“, Bad Tölz. Wissenschaftliche Stationen in den Max-Planck-Instituten für Verhaltensphysiologie und Psychiatrie, am Department for Psychology and Brain Science des MIT, Cambridge (USA), und dem Forschungszentrum Jülich.

Ernst Pöppel
Prof. Dr.